Blue Zones: Regionen des langen Lebens
„Blue Zones“ sind Regionen, die sich dadurch auszeichnen, dass dort Menschen überdurchschnittlich häufig ein sehr hohes Alter erreichen. Die Gründe dafür werden von Forschern auf eine Kombination aus günstigen genetischen Voraussetzungen sowie einem besonders gesunden Lebensstil und einer ausgewogenen Ernährung zurückgeführt. Den Begriff „Blue Zones“ prägte der Forscher und Autor Dan Buettner. Im Rahmen seiner Untersuchungen identifizierte Buettner gemeinsam mit seinem Team mehrere Orte auf der Welt, an denen es auffallend viele Hundertjährige gibt und in denen sich bestimmte lebensverlängernde Verhaltensmuster wiederholen. Obwohl die Lebenserwartung in einigen dieser Regionen in den vergangenen Jahren gesunken ist und manche Blue Zones mittlerweile kritischer betrachtet werden, gibt es weiterhin Dörfer, in denen außergewöhnlich viele Menschen ein hohes Alter erreichen. Die Arbeit von Buettner liefert daher wertvolle Einblicke in die Anti-Aging-Forschung. Zu den von Dan Buettner beschriebenen klassischen Blue Zones zählen fünf Regionen, die besonders häufig im Zusammenhang mit Langlebigkeit und Gesundheit genannt werden. Diese Orte sind Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Analyse und bieten Anhaltspunkte dafür, wie sich Lebensstil und Ernährung positiv auf das biologische Alter auswirken können.
Okinawa
Okinawa, auch als „Insel der Langlebigen“ bekannt, ist eine Inselgruppe im Süden Japans deren Bevölkerung regelmäßig über 100 Jahr alt wird, oft ohne die typischen Alterskrankheiten wie Herzleiden, Diabetes oder Demenz, die in anderen Teilen der Welt weit verbreitet sind. Die Menschen auf Okinawa sind stark von Tradition und Gemeinschaft geprägt. Religiös verbindet sich hier der Shintoismus mit dem Buddhismus, ergänzt durch alte Natur- und Ahnenkulte, bei denen die Verehrung der Vorfahren eine zentrale Rolle spielt. Früher lebten die meisten Okinawaner von Landwirtschaft und Fischerei, heute sind viele im Tourismus und Dienstleistungssektor tätig. Es muss jedoch hier hinzugefügt werden, dass die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in Okinawa laut neuerer Studien im 21. Jahrhundert stark gesunken ist, was teilweise mit einem Anstieg an Alkoholkonsum zusammenhängt. Trotzdem ist die Lebenserwartung in Okinawa immer noch höher als der Durchschnitt in Japan, und altersbedingte Krankheiten sind seltener.
Ikaria
Ikaria, eine griechische Insel in der Ägäis, gehört ebenfalls zu den Blue Zones. Auf Ikaria ist die griechisch-orthodoxe Kirche tief im Alltag verwurzelt, und religiöse Feste gehören zum Alltag. Viele Menschen leben traditionell von Landwirtschaft, Oliven- und Weinbau oder Ziegenhaltung. Die Menschen hier sollen laut Buettners Studien eine längere Lebenserwartung haben. Allerdings muss hinzugefügt werden, dass die Daten zu Ikaria mehrfach angefochten wurden. So haben andere Forscher zum Beispiel herausgefunden, dass ein erheblicher Teil der älteren Einwohner Ikarias bereits verstorben war, deren Angehörige dies den Behörden jedoch nicht gemeldet hatten, um weiterhin deren Rentenzahlungen zu erhalten. Es gibt zwar Hinweise, Skepsis und Kritik an der Datenlage, bislang jedoch keine gesicherten Beweise dafür, dass Rentenbetrug oder ähnliche Unregelmäßigkeiten die Angaben zur Langlebigkeit auf Ikaria maßgeblich verfälscht haben. Daher zählt Ikaria auch weiterhin zu den Blue Zones.
Sardinien
Die Ogliastra-Region im Osten Sardiniens gilt als eine der berühmtesten Blue Zones der Welt. Trotz bescheidener materieller Verhältnisse und einer Lebensweise, die geprägt von körperlich harter Arbeit ist, ist die Lebenserwartung der Bewohner überdurchschnittlich hoch. Besonders auffällig ist hier die hohe Zahl sehr alter Männer, die oft über 100 Jahre alt werden – ein weltweit seltenes Phänomen, da die Lebenserwartung von Männern, selbst in anderen Blue Zones, meist signifikant niedriger ist. Die Menschen leben traditionell in abgelegenen Bergdörfern, wo Landwirtschaft, Schaf- und Ziegenzucht sowie Weinbau den Alltag prägen. Ogliastra ist ein Beispiel, wo auch genetische Faktoren möglicherweise eine Rolle spielen: Da die Bevölkerung über Jahrhunderte relativ isoliert in Bergdörfern, mit wenig Zuzug von außen lebt, haben sich bestimmte Genvarianten stärker entwickelt, die möglicherweise zur Langlebigkeit beitragen. Die überdurchschnittlich hohe Lebenserwartung ist laut einigen Journalisten und Forschern auch in dieser Blue Zone teilwiese übertrieben (die Region versucht zum Beispiel Touristen anzulocken, indem sie die hohe Lebenserwartung bewirbt), trotzdem gibt es gute Belege, dass Ogliastra eine Region mit überdurchschnittlicher Langlebigkeit ist, besonders unter bestimmten Gemeinden und Bevölkerungsgruppen.
Die Nicoya-Halbinsel
Die Nicoya-Halbinsel in Costa Rica ist eine weitere Blue Zone, die für ihre besonders hohe Lebenserwartung bekannt ist. Wirtschaftlich leben die meisten traditionell von Landwirtschaft und Viehzucht; auch heute noch arbeiten viele im Feld oder mit Tieren. Nicoya ist insbesondere bekannt für die Kultur des „Plan de Vida“ bekannt. „Plan de Vida“ ist ein zentraler Begriff auf der Nicoya-Halbinsel und bedeutet wörtlich „Lebensplan“. Gemeint ist damit ein klarer Lebenssinn oder eine Aufgabe, die den Menschen Orientierung gibt und sie motiviert, auch im hohen Alter aktiv zu bleiben. Viele ältere Nicoyaner fühlen sich weiterhin gebraucht – sei es in der Familie, in der Landwirtschaft oder im sozialen Umfeld. Ähnlich wie in Okinawa ist auch in Nicoya die Lebenserwartung gesunken, neueren Studien ergeben, dass Menschen, die nach 1930 geboren wurden, keine überdurchschnittlich hohe Lebenserwartung mehr haben.
Loma Linda
Loma Linda in Kalifornien ist die einzige Blue Zone, in der der Großteil der Bevölkerung im modernen Dienstleistungs- oder Bürobereich arbeitet – also nicht in körperlich anstrengenden Berufen wie in den anderen vier klassischen. Dadurch ist Loma Linda, im Vergleich zu anderen Blue Zones auch eine relativ wohlhabende Gemeinschaft. Und trotzdem hat der Lebensstil der Menschen einige Besonderheiten: In Loma Linda lebt eine große Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten. Diese Religion wird mit einem gesunden Lebensstil verbunden. Die Bewohner ernähren sich vegetarisch oder sogar vegan, meiden Alkohol, Nikotin und Koffein und achten auf regelmäßige Ruhezeiten, einschließlich des Sabbats. Viele Adventisten arbeiten in Gesundheitsberufen, im Bildungswesen oder in gemeindebasierten Einrichtungen, da Loma Linda auch ein Zentrum für medizinische Versorgung und Forschung ist. Die Lebenserwartung in Loma Linda ist 7 bis 10 Jahre älter als der Durchschnitt in den USA.
Trotz kultureller Unterschiede und unterschiedlicher Lebensumgebungen (z.B. Leben in den Bergen in der Ogliastra-Region vs. Fischerleben in Okinawa vs. Dienstleistungsbranche in Loma Linda) haben (oder hatten) alle Blue Zones eine überdurchschnittlich hohe Gesundheit und Lebenserwartung. Daher ist es interessant sich anzuschauen, was alle diese fünf Blue Zones gemeinsam haben. Forscher wie Dan Buettner, Gianni Pes und Michel Poulain haben dies über Jahrzehnte analysiert. Hier sind einige Ihrer Erkenntnisse:
Viel Bewegung verlangsamt unseren Alterungsprozess
Menschen in den Blue Zones Bewegen sich im Durchschnitt mehr als Menschen in anderen Gebieten der Erde. In den meisten der Blue Zones ist Landwirtschaft und Viehzucht eine der Haupteinnahmequellen. Gehen, Gartenarbeit, Handarbeit, Tragen, und Klettern gehören zum täglichen Brot vieler Bewohner. Sarden zum Beispiel wandern täglich in bergigen Regionen mit ihren Schafherden. Auch Menschen in Loma Lima, laufen viel in ihrer täglichen Routine, da tägliches gehen, als spirituelle und gesundheitliche Routine betrachtet wird („walk with God“). Zudem werden die meisten Wege im Alltag der Bewohner von Loma Linda zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewältigt. Das viel Bewegung das Altern verlangsamt wurde auch in moderneren Studien vielfach belegt. So kann regelmäßiger Sport zum Beispiel die Verkürzung der Telomere verlangsamen (mehr dazu später).
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Starke Soziale Bindungen und Glaubensgemeinschaften haben einen positiven Einfluss auf das psychische Wohlbefinden
Das vielleicht stärkste gemeinsame Element in allen Blue Zones ist der Zusammenhalt und das Gemeinschaftsleben. Familie, Nachbarn und Freundeskreise sind zentral. Viele Menschen leben in Mehrgenerationenhäusern, Großeltern helfen ihren Kindern bei der Erziehung der Enkelkinder, Kinder Pflegen ihre Großeltern. Dadurch vereinsamt niemand und auch alte Menschen fühlen sich gebraucht. In Okinawa gibt es auch „Moai“ – lebenslange Unterstützungsgruppen. Zudem haben fast alle Blue-Zone-Gesellschaften eine religiöse oder spirituelle Basis, die das Gemeinschaftsleben verstärkt und dem Leben einen Sinn gibt. Die Bewohner von Loma Linda gehören der Religion der Siebenten-Tags-Adventisten an, Sardinien, Nicoya und Ikaria sind stark katholisch/orthodox und Okinawa ist Buddhistisch. Diese Strukturen fördern Gemeinschaft, Hoffnung, einen Lebenssinn und regelmäßige Ruhezeiten.
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Stressabbau und Entschleunigung hält jung
Menschen in Blue Zones leben langsamer, ruhiger und haben Rituale zur Stressreduktion. So wird in Sardinien regelmäßig Siesta gehalten und in Loma Linda die Sabbatruhe. Stress trägt maßgeblich zu unserer Alterung bei, so beschleunigt er zum Beispiel die Telomerverkürzung, und DNA-Mutationen. Daher ist es wahrscheinlich, dass Stressabbau maßgeblich zu der langen Lebenserwartung der Menschen in den Blue Zones beiträgt.
Kein exzessiver Alkohol – und Drogenkonsum in Blue Zones
In viele Blue Zones, wie zum Beispiel Sardinien, gehört zwar gelegentliches trinken zum Gesellschaftsleben, dies geschieht jedoch nur in Maßen und in Gesellschaft. Exzessiver Alkoholkonsum, oder Menschen mit einer Alkoholsucht sind selten. Auch Drogenkonsum ist durch die traditionelle und religiöse Lebensweise in den Blue Zones eher eine Seltenheit. In Okinawa gibt es jedoch immer mehr Menschen, die an einer Alkoholkrankheit leiden, was auch wahrscheinlich einer der Gründe dafür ist, dass in dieser Blue Zone die Lebenserwartung gesunken ist.
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Ernährung in Blue Zones besteht aus unverarbeiteten, natürlichen Lebensmitteln
Die Menschen in den Blue Zones ernähren sich überwiegend von natürlichen, kaum verarbeiteten Lebensmitteln – sie essen viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte und Obst, aber nur selten Fertigprodukte oder Zucker. Der Fleischkonsum ist generell gering; viele Menschen verzichten ganz darauf oder leben vegetarisch beziehungsweise vegan, wie etwa die Bewohner von Loma Linda.